Writer-Publisher?

Buch und Stift

Singer-Songwriter. Meh. Wisst ihr, es gibt Wörter, die Dinge ganz zufriedenstellend zusammenfassen. "Musiker" zum Beispiel. Ist es wirklich nötig, beide Rollen zu nennen? Man nennt Selbstverleger ja auch nicht Writer-Publisher. Obwohl die beiden Teilgebiete es eventuell eher verdient hätten, separat genannt zu werden. Denn der Vortrag, das Singen, ist für Autoren schwierig.

Anders als beim Schreiben beginnen Musiker ihre Ausbildung, sei sie nun formal oder autodidaktisch, mit dem Musizieren nach Noten oder Tabulaturen oder doch zumindest nach Gehör. Der Vortrag und damit das An-Den-Mann*-Bringen steht von vorne herein im Vordergrund. Wer dann noch kreativ und ehrgeizig ist, der kann auch noch lernen, selbst Musik zu schreiben. 

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*Mensch. Redewendung wegen gewagter Konstruktion trotz inhärenter hegemonialer Männlichkeit beibehalten.

Beim Schreiben steht das, na ja, Schreiben im Vordergrund: Das Zurückgezogene, das Langsame, das manchmal Qualvolle, manchmal euphorisch Inspirierte, das äußerst unspannend Anzusehende. Kein Mensch, der Schriftsteller werden will, fängt damit an, die Vorlesestimme zu schulen und Exposés zu schreiben. Nein, man fängt damit an Drei- oder Fünf-Akt-Strukturen zu studieren, Spannungsbögen zu zeichnen, Charaktere zu entwerfen und die ersten wackeligen Prologe auf Papier oder Pixel zu bringen.

Aber das Schreiben ist nicht die Performance oder der Auftritt. Dem Schreiben wohnt de facto eigentlich keine Performance inne. Musik und Schreiben sind insofern konträr, als dass sie ihre Wurzeln in unterschiedlich geprägten Kulturen haben. 

Oh, kleiner Einschub: Darf ich euch Walter Ong vorstellen?

Walter Ong gehört zum Grundstock der Medientheorie, einer meiner persönlichen Favoriten, um ehrlich zu sein, denn von ihm stammt die Unterscheidung zwischen oralen und schriftlichen Kulturen. Seine Theorie, über diese basale Unterscheidung hinaus, besagt auch, dass wir uns seit dem Aufkommen von Radio und Fernsehen in einer oralen Kultur zweiter Ordnung befinden: Einer sekundären oralen Kultur, die aber immer auf einer Schriftlichkeit basiert. Das Drehbuch und der gespielte Dialog  oder die vom Blatt gelesenen Nachrichten sollen hier als beispielhaft gelten.

Orale und schriftliche Kulturen funktionieren grundlegend anders. Die orale Kultur braucht die Performance, denn ohne sie wird sie unterbrochen und versiegt. Sie ist auf ständige Wiederholung angewiesen. Eine schriftliche Kultur ist hingegen monolithisch: Es gibt feststehende Grundlagentexte, die nie verändert werden, nie in Vergessenheit geraten oder angepasst werden. 

Schrift hat alles verändert, sie hat den Menschen teilweise als Übermittler von Gedanken eliminiert. Wir hören nicht der Postbotin zu, wir lesen stattdessen das Papier, das sie uns bringt. Schrift hat damit auch Geschichten losgelöst vom Geschichtenerzähler, dem Barden oder der Dorfältesten. Wir können heute Geschichten erzählt bekommen, ohne zu wissen, von wem sie stammen.

Quelle: Internet.

Die Performance hingegen ist viel stärker mit ihrem Urheber, dem Musiker verknüpft, denn anders als durch ihn ist sie für uns nicht erfahrbar. Die Songwriterin verschwindet hinter ihm. Wenn ihr Stück von einem anderen Interpreten aufgeführt wird, so eignet er sich ihren Text (im breiteren Sinne des Wortes) an und die Zuhörerin wird in erster Linie die Interpretation wahrnehmen und beurteilen, selbst wenn sie das Quellmaterial in einer anderen zuvor schon einmal gehört hat.

In oralen Kulturen -- ob nun primär in präliteraler Zeit oder sekundär nach Erfindung des Rundfunks -- verliert die Quelle an Relevanz.

Das trifft nicht auf jede Musik zu, sagt ihr? Klassische Musik zum Beispiel stellt ganz eindeutig die Komponisten in den Vordergrund?

Das mag so sein, doch die Zeit, in der die klassische Musik aufkam fällt in die bürgerliche Moderne und damit in das goldene Zeitalter der Schrift. In dieser Zeit machte die Alphabetisierung der Bevölkerung rasante Fortschritte und Text gewann damit an Prestige. Tatsächlich herrschten Praktiken der schriftlichen Korrespondenz in Briefen und der schriftlichen Selbstkontrolle durch Tagebuchschreiben vor. Die wohlstrukturierte Niederlegung von Gedanken und Wörtern war das tägliche Brot der bürgerlichen Schicht. Der Körper war ein Objekt der Regulierung geworden, durch Descartes unversöhnlich von dem in ihm wohnenden Geist abgespalten. Die Gedanken waren wichtiger als der Vortrag, Formulierung wichtiger als Rethorik.

Es verwundert also nicht, dass diese Epoche einen Komponistenkult entwickelt hat, der losgelöst von der Vorführung funktionierte.

Heute fließt alles wieder in die Oralität: Das Spektakel, die Zurschaustellung, die Vorführung wird wieder wichtiger und ein Typus des Künstlers, der sich in der Schriftlichkeit der bürgerlichen Moderne herausgebildet hat, der Schriftsteller, muss auf einmal mit kurzweiligeren, mit aussagekräftigeren Präsentationen von Werken mitziehen. Trotzdem bleibt er in der Zurückgezogenheit und der Kopflastigkeit der schriftlichen Moderne verhaftet. Die Vermarktung seines Werks, die er jahrhundertelang aus den Händen geben konnte, fällt plötzlich auf ihn zurück.

Für keine Sparte der Autorinnen dürfte das schmerzhafter erfahrbar sein als für die Selbstverleger, die keinen Verlag haben, der ihnen bei diesen fachfremden Elementen ihres Handwerks den Rücken decken. Sie müssen zu Marketern werden, zu Performern.

Autoren sind von Haus aus Theoretiker und müssen nun, nachdem sie ihre Symphonie geschrieben haben, das erste Mal ein Instrument in die Hand nehmen.

Wir leben in einer Epoche der Musikerinnen und Schauspieler. Autorinnen haben es mit ihren stillen, unaufdringlichen Werken, die so furchtbar auf Interpretation durch den Leser angewiesen sind, sehr viel schwerer, auf dem Marktplatz überzeugende Argumente heraus zu krakeelen. 

Lesen ist eine Vollzeitbeschäftigung. Ein Buch läuft nicht im Hintergrund. Und seine Unbeurteilbarkeit anhand seines Äußeren hat Sprichwortstatus.
​Mit anderen Worten: Text ist das 9/11 des Marketings.

Kommentare

Eine Gesellschaft der Extros

Dieses von dir beschriebene Phänomen, dass das Vortragen und die Performance heutzutage viel stärker in den Vordergrund gerückt ist, auch und vor allem in Bereichen, in welchen dies früher nicht der Fall war, lässt sich nicht nur unter Selbstverlegern wiederfinden, sondern könnte man sogar auf die derzeitige (kapitalistische) Gesellschaft an sich anwenden.

Heutzutage geht es beinahe stets und ständig und allenorts darum, sich selbst zu verkaufen und zu präsentieren. In der Schule lernt man schon von der fünften Klasse an, wie man Präsentationen und Vorträge zu halten hat - es gibt eigene Pflicht-Kurse namens "Präsentationstechniken" bei uns an der Schule - und hinterher wird der Vortrag im Plenum der Klasse besprochen, was besser gemacht, was geändert werden kann.
Viele Lehrer schwören auf "Inhalts-Crowdsourcing" durch Gruppenarbeit, wobei es natürlich nicht verkehrt ist, die Schulstunden nicht nur mit Frontalunterricht zu gestalten.
In der Arbeitswelt geht es ebenso fast permanent darum, sich zu präsentieren. Sei es in Assessments, im Job an sich (wenn man ein Projekt startet, leitet, durchzusetzen versucht) oder schon in der Bewerbungsphase.
Der häufigste Soft Skill, von dem ich las und hörte durch Lehrer, ältere Mitmenschen usw., dass man ihn brauche, ist Teamwork und Arbeiten in der Gruppe.
Ich habe manchmal die Befürchtung, dass dabei die Entfaltung individueller Stärken auf der Strecke bleibt.
Denn gerade Kreativität und kreative Tätigkeiten, um ein Beispiel zu nennen, leben doch davon, dass man Rückzugsmöglichkeiten hat, Ruhe zu finden, Gedanken zu ordnen, zu formulieren, und zu Papier/Endgerät zu bringen.
Durch den Kapitalismus, die kapitalistische Wirtschaft und die dadurch geprägte und geformte Arbeitswelt wurde es immer wichtiger, sich zu verkaufen in der Lage zu sein, wenn man beruflich etwas reißen will.

Kurzum: Der extrovertierte Mensch rückt immer mehr in den Mittelpunkt der Gesellschaft und wird zum Idealbild des Menschen erhoben, wodurch die Introvertierten in eine benachteiligte Position geraten.

Quiet

Es gibt tatsächlich auch ein Buch über genau diese Problematik: Quiet von Susan Cain (hier der Amazon-Link der deutschen Übersetzung).

Sie bemängelt und fordert Alternativen zu genau dem Punkt, den du ansprichst: Die im Kapitalismus -- also freien Wettbewerb -- unumgängliche Logik der Werbung und des Marketings, die sich in jeden Bereich unseres Lebens eingeschlichen hat. Gerade im Arbeitsumfeld führt das allerdings meiner Meinung auch zu mehr Stress, Chaos und zu weniger qualitativen Ergebnissen, denn die brauchen nun mal Ruhe und Zeit.

Bücher haben inzwischen ein shelf-life von nur wenigen Wochen, maximal drei Monaten. Wenn sie bis dahin nicht gekauft werden, werden die restlichen Exemplare remittiert. Die meisten Erstkäufer haben das Buch bis dahin wahrscheinlich noch nicht mal durchgelesen und die vielbeschworene Magie der Mundpropaganda konnte noch nicht ihre Wirkung entfalten.

Das beeinflusst natürlich auch die Formate, in denen Inhalte produziert werden: Immer kürzere Folgen, das Revival der Kurzgeschichte -- low risk, kurzes shelf-life, viel Zeit für anderes. Diese ganze Aufmerksamkeitshascherei nötigt auch stille Menschen, laut zu werden, um in dem ganzen Trubel nicht unterzugehen.

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