Zu wissen, was man wissen soll

Kindheitstraumata sind manchmal ganz doofe Dinge, die in der Retrospektive so trivial sind, dass man eigentlich nur drüber lachen kann. Aber trotzdem graben sie sich so tief in die Psyche, dass man auch 20 Jahre später noch dieselbe Scham erlebt. Ich erinnere mich an eine Szene. Ich frage meine Mutter: "Was war die DDR?" Und meine Mutter reagiert mit einem entsetzten, verärgerten, einem mich bis in die Tiefen meines Seins erschütternden "ORRRR, ALENA!!!". (Obwohl "Orr!" damals noch kein gängiger Ausruf war.)

Man muss dazu sagen: Ich war in der Grundschule, 3. oder 4. Klasse und bin ein Jahr vor der Wiedervereinigung auf die Welt gekommen. Ich habe den Ausdruck "DDR" zum ersten Mal bewusst gehört, weil eine Klassenkameradin erzählt hat, sie sei in den Ferien in der ehemaligen DDR gewesen. Für jemanden, der wie meine Mutter komplett im kalten Krieg aufgewachsen ist, war es natürlich unvorstellbar, dass jemand nicht weiß, was die DDR ist. Für mich war es das erste Mal, dass ich etwas nicht wusste, was ich anscheinend hätte wissen sollen, denn ich war immer ein "kluges" Kind. Ich war süchtig nach Sachbüchern und Dokus. Nur das Was-Ist-Was-Buch "Die DDR und der Eiserne Vorhang" gehörte leider nicht zu meinem Fundus.

Meine Mutter hat eigentlich den Ansatz "Ich muss nicht alles wissen, ich muss nur wissen, wo es steht". Die Vorstufe davon, so sehe ich das, ist allerdings: Ich muss wissen, was ich wissen soll.

Ich weiß, dass ich "der Pate" gesehen haben sollte. Und sämtliche Filme von Hitchcock und Kubrick. Ich weiß, dass ich Godard kennen sollte. Ich weiß, dass ich wissen sollte, wie man einen Diskurs nach Foucault definiert. Ich weiß, dass ich wissen sollte, was ein Simulacrum ist. Ich weiß, dass ich aus dem Stand heraus erklären können sollte, was Poststrukturalismus ist und wie Fetischismus bei Marx angelegt ist. (Letzteres könnte ich eventuell sogar hinbekommen.) Aber ich weiß es nicht. Ich habe eine vage Vorstellung und ich weiß, dass ich es wissen sollte, und das reicht, um es mir im Ernstfall aneignen zu können.

Man macht sich gerne über junge Leute lustig, die nicht wissen, dass es die Titanic wirklich gab oder wer Paul McCartney ist, aber woher sollten sie wissen, dass sie es wissen sollten? Wenn ein Thema noch nie aufgekommen ist, wie soll sich der Eindruck von Relevanz ergeben? Es gibt so viel Wissen. Wie soll man denn unterscheiden, welches davon wichtig ist oder nicht?

Ich merke das auch und insbesondere in Unterhaltungen mit Leuten, die jünger sind als ich, weil die Relevanzkriterien verschoben sind. Ich habe keinen der Zelda-Teile gespielt. Ich kann diesen Bären nicht zuordnen. Ich bin die letzte Generation vor dem großen Pokémon-Hype (zumindest in der süddeutschen Provinz) und ich weiß immer noch nicht, was der ":V"-Smiley bedeutet. Ich merke nur, dass ich das wissen sollte.

Dieses Schlüsselerlebnis, diese Verärgerung, die ich hervorgerufen habe, weil ich etwas nicht wusste, was ich hätte wissen sollen, hat zu einer permanenten Verunsicherung geführt. Es ist eine meiner größten Ängste, dass ich etwas nicht weiß, was ich hätte wissen sollen, und so den Spott und die Verachtung anderer Menschen auf mich ziehe. So sehr ich das im popkulturellen Bereich mit einem Schulterzucken überspielen kann, so sehr verursacht es mir im akademischen Bereich Bauchschmerzen.

Und dann soll man eine Masterarbeit schreiben. Was wird vorausgesetzt? Welche Quellen sind ein Muss? Muss Deleuze da rein? Kann ich über Postmoderne ohne Lyotard sprechen? Wie relevant ist Latour in diesem Kontext?

Wie finde ich heraus, was ich wissen soll?

Tags: 

Kommentare

(Kein Betreff)

Vor dem Problem steh ich auch gerade. Ab nem bestimmten Punkt muss man glaub ich einfach ins kalte Wasser springen sonst springt man nie.
Viel Erfolg!

Neuen Kommentar schreiben

To prevent automated spam submissions leave this field empty.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage testet, ob du ein Mensch bist oder nicht.
k
8
t
m
C
i
Enter the code without spaces.