Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust

Ich weiß nicht, ob es auffällt, aber ich schreibe ganz gerne. Und viel. Und mit dem Ziel, es professionell zu tun. Aber jedes Mal, wenn ich mich mit Verlagswesen und Buchmarkt auseinandersetzte, prallen in mir zwei Sichtweisen aufeinander, die ich nur schwerlich miteinander in Einklang bringe.

Zum einen bin ich eine Bibliophile wie sie im Buche steht. (Hier bitte Tusch einspielen.) Ich liebe den Geruch von neuen Büchern, von alten Büchern, von meinen Büchern und von Büchern anderen, ich liebe das Gefühl von Papier zwischen den Fingern und ich kaufe auch leere Bücher, wenn sie nur schön genug sind.

Zum anderen bin ich aber auch technikaffine Open Source Befürworterin. Ich liebe Remix-Kultur und offenen Zugang zu Wissen und Inhalten. Ich liebe offene Tools wie GIMP und Blender und ach ja: Ebooks. Großartig. Ganz großartig. Ich kaufe nicht bei Amazon, weil ich deren Politik nicht gut finde und in dem Moment, in dem ich meine Ebooks auch unter Linux verwalten kann, weil man sie von ihrem dämlichen DRM befreit, werde ich tanzen.

Nur damit wir uns verstehen: Beide zahlen für Inhalte. Beide lieben und verehren kreative Menschen.

Die Bibliophile in mir wird jedoch zu einem rehäugigen Bündel Verlegenheit, wenn sie einem Menschen gegenübersteht, der in der Verlagsbranche arbeitet.

Die Technikaffine plustert sich auf und erzählt ihm was von den Chancen von Self-Publishing und digitaler Distribution.

Beide hätten es gerne, dass jemand ihr Geschreibe liest.

Die Technikaffine will es dabei möglichst flächendeckend und leicht zugänglich ans Volk bringen.

Die Bibliophile – und deswegen scharrt sie beschämt mit dem Fuß auf dem Boden – würde davon auch gerne die Miete bezahlen. Und darum berehäugt sie Verlagsmenschen.

Es mag etwas damit zu tun haben, dass ich als Geisteswissenschaftler daran gewöhnt bin, ohne oder für verschwindend geringe Bezahlung zu arbeiten¹, aber meine technikaffine Seite raunt mir zu, dass jeder, der in einer etablierten Branche arbeitet, mir was Böses will.

„Die wollen dich ausnutzen“, flüstert sie. „Die wollen gut ausgebildete Arbeitskräfte für lau. Und überhaupt! Siehst du die Gier in ihren Augen? Denen willst du deine Bücher überantworten? Die werden alles Interessante rauseditieren und aus deinem Gedankenspiel über Menschen in einer toxischen Umgebung einen Twilight-Abklatsch machen. Bis(s) zum Sanktnimmerleinstag. Ich sehe schon das Cover vor mir ...“

Dann schaudere ich, fühle mich empört und gegen den Strich gebürstet und igle mich in meinem Safe Place, dem Internet ein. Dort, wo es Creative Commons, Webserien und -comics und Romane in der Entstehung gibt. Wo Menschen 140 Zeichen Scharfsinn wie kostbare Gewürze streuen.

Die Bibliophile hat derweil die Federwelt abonniert. Sie durchforstet Wettbewerbsausschreibungen und Aufrufe zu Anthologien auf der der Suche nach der silberschimmernden Hoffnung eines Schlupflochs in die glanzvolle² Welt der Veröffentlichungen.

Die Technikaffine hat ihr einen eigene Webseite eingerichtet. Aber sie zögert noch. Denn die Bibliophile will unkompliziert und professionell sein, will Verlags- und Lesergeschmack treffen und nicht durch sowas unnützes wie Technikaffinität oder generell Aktivität in Diesem Internet auffallen. Sie will traditionell sein. Risikoarm. Eine Schriftstellerin wie aus der Gussform der Verlage.

Die Technikaffine überlegt sich währenddessen, ob Verlage ihr wohl mehr Vorschuss zahlen würden, wenn sie die Herstellung des Ebooks, dieses zwielichtige Hexenhandwerk, selbst übernähme. Und überhaupt: Wozu Verlage? Sie ist keine schäbige Layouterin und mit den Kanälen der sozialen Medien und ihren Verbindungen zu recht guten Lektoren und Künstlern würde sie es definitiv bewerkstelligen, ein ordentliches Produkt herzustellen. Besser als so manches, das sie bei denen gekauft hat, jedenfalls.

„Aber“, wimmert die Bibliophile und zerrt an meinem Ärmel, „was ist mit den Drachenjägerinnen und Namen des Windes? Die waren gut. Die waren fantastisch. Diese Qualität erreichst du niemals ohne ein professionelles Lektorat.

Die Technikaffine hebt eine Augenbraue und zitiert Ze Frank:

Perfectionsim may look good in his shiny shoes but he's a bit of an asshole and no one invites him to their pool parties.

Und dann starren sie sich an. Stur und unversöhnlich.

Und ich sitze dazwischen und wiege meinen armen zerstückten Sinn in der Sicherheit, dass ich keine Ahnung habe, was ich tun soll.

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¹ „Job? Sie wollen einen Job? Hohoho! Sie sind mir ja eine! Frech! Aber gefällt mir, doch doch, wirklich. Was halten Sie denn davon: Sie machen bei uns ein unbezahltes Vollzeitpraktikum mit der Aussicht auf eine 400-€-Vergütung nach einem halben Jahr und wenn Sie sich bewähren, können Sie bei uns ein zweijähriges Volontariat machen, von dem Sie auf gar keinen Fall leben können. Schauen Sie nicht so, Sie sind jung. Sie haben noch Leidenschaft, oder?“

² Die Bibliophile ist diejenige, die sich nach erfolgloser Suche auch damit tröstet, dass das ohnehin alles eine Illusion ist und nur eine handvoll Schriftsteller überhaupt von ihrer Schreiberei leben können und das dann meistens auch nur gerade so und eine Veröffentlichung ist kein Erfolgsgarant und überhaupt: Wo ist mein Schokoeis?

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