Rituelle Höflichkeit

Steffen hat einen lesenswerten Blogeintrag über Rituale geschrieben. Das Fazit, zu dem er kommt:

Einfach und unreflektiert: Kannste machen, aber dann isses halt Kacke

So ein durchritualisiertes Leben kann einem enorm viele Entscheidungen abnehmen: Der Ablauf ist definiert, brauch ich nicht drüber nachdenken.

Ändert sich von außen etwas, wird das als Störung des Rituals empfunden – egal, ob es den Ablauf, das Ziel oder die Veränderung durch Beteiligte betrifft. Fertig ist das kleine Einmaleins des Konservativen.

Eine Alternative zu diesem ritualisierten Stumpfsinn zeigt er in Tweets auf:

Lauter unvergleichliche Situationen und Ergebnisse.

— Steffen (@tzpazifist) 18. November 2016

Ein schöner Gedanke. Aber ich würde hier nicht darüber schreiben, wenn ich damit hundertprozentig d'accord wäre. Das hier ist ein Lobeslied an Rituale. Denn so ein unstetes Leben voller spontaner Reflexion funktioniert nur, wenn man die Kraft dazu hat.

Zuallererst muss ich eventuell klarstellen, aus welcher Perspektive ich meine Liebeserklärung an Rituale schreibe: Ich schreibe sie als Nihilistin. Ich schreibe sie als eine Person, die Menschen liebt, an ihr Bestes glauben will und trotzdem mittelschwere Nervenzusammenbrüche bekommt, wenn sie längere Zeit mit welchen verbringen muss. Ich bin introvertiert, ich neige zu Gefühlsextremen. Zu Aggression und Verzweiflung, beides meistens im Zusammenhang mit Menschen. Ich bin faul. Außerdem bin ich manchmal reflexartig fies. Und eine nimmerendende Quelle von Verzweiflung ist für mich genau das: Das ich nicht der gute Mensch bin, der ich gerne wäre. In anderen Worten: Nett zu sein, ist für mich eine Entscheidung – und manchmal harte Arbeit.

Arbeit, für die ich ehrlich gesagt nicht die Energie habe. Zwischen Job, Haushalt und Pendeln bleibt mir nicht viel Kraft zum Nachdenken. Den ganzen Tag mit anderen Leuten in Büros und Zügen eingepfercht zu sein, nimmt mir sehr viel von meiner sowieso nicht allzu üppigen Selbstdisziplin. Und ich kenne einige Menschen, die für sich den Modus eingenommen haben: Höflichkeit ist Zeitverschwendung. Interaktionen müssen zielorientiert sein, Floskeln und Konventionen – Rituale – sind unnötig und anstrengend.

Das, mit Verlaub, ist Quatsch. Höflichkeit und Nettigkeit sind keine Zeitverschwendung. Sie sind Zeichen für Respekt füreinander: Ja, du bist mir diese Arbeit wert. Und das sage ich nicht, weil mir das so leicht fällt. Aber ich bin zumindest für die Alltagsbewältigung eine Anhängerin der Goldenen Regel: Behandle Leute, wie du selbst behandelt werden willst. Aber wie schafft das so eine faule Socke wie ich?

Hero Shot: Rituale

Rituale sind so unfassbar nützlich, wenn man von seinen faulen und zynischen Werkseinstellungen wegkommen möchte. Wenn du Blickkontakt zu jemandem aufbaust, lächelst du ihn an. Wenn jemand was für dich gemacht hat – egal in welchem Kontext – sagst du Danke. Wenn du jemandem schreibst, benutzt du zumindest beim initialen Kontakt eine Begrüßung, ganze Sätze und eine Grußformel. Weil andere Menschen keine Automaten sind, denen man einen Auftrag erteilt und dann haben die das zu machen. Auch wenn manche in ihrer kapitalistischen Funktionalität voll aufgehen: Ich weigere mich, meine Mitmenschen als bloße Funktionen, als Blackboxen zu sehen, denen man etwas gibt, um etwas heraus zu bekommen.

Rituale trainieren Selbstverständlichkeiten. Reflexe besiegen den Schweinehund. Wenn man sich das "Wollen Sie sich setzen?" oder das "Kann ich Ihnen helfen?" erst mal angewöhnt hat, hat die Faulheit keine Chance mehr, sich zwischen mich und meine Moral zu stellen. Und dann schleppe ich irgendwelche Koffer die Treppe hoch und denke mir "Warum hab ich bloß was gesagt?", aber dafür kann ich mir dann halt im Spiegel auch noch in die Augen sehen.

Spoiler: Es funktioniert nicht immer. Manchmal versagt meine rituelle Nettigkeit, weil ich unaufmerksam bin oder ohnehin schon am Ende meiner Nerven. Aber in der Regel hilft mir das, ein verhältnismäßig guter Mensch zu sein – nach meinen Maßstäben. Viel von meiner Problematik kommt mit Sicherheit von meiner Introvertiertheit. Ich bin nicht unbedingt schüchtern, aber es raubt mir sehr viel Energie, mit Menschen zu interagieren. Aber wenn ich der Überzeugung bin, dass es für alle besser ist, wenn wir nett zueinander sind, muss ich es selber auch schaffen. Und es geht.

Aber ist automatisierte Höflichkeit nicht genauso schlimm wie andere Erwartungen? Ich glaube, dass viele Menschen müde sind und genervt. Ich glaube, dass viele Automatismen brauchen, um überhaupt durch den Tag zu kommen. Das ist nicht schlimm: Das ist eine legitime Coping-Strategie. Wenn man das akzeptiert, ist dann die Frage, in welcher Welt man gerne leben würde. Persönlich denke ich mir, ich würde lieber in einer Welt des automatisierten Respekts und der reflexhaften Höflichkeit leben, als in einer der automatisierten Ablehnung und Weigerung. Wenn man erstmal ein Basislevel an Anstand hat, kann man dann immer noch einen draufsetzen, wenn man die Kraft dazu habt.

Wer die Energie hat: Ja! Durchbrich Rituale! Mach was Neues! Hinterfrage alles. Aber wenn du keine hast, kannst du deinen Anstand immerhin so ritualisieren, dass er dir so unüberlegt, so selbstverständlich, so mühelos wie Atmen ist. Das ist nicht das Optimum. Aber es ist ein Anfang.

Kommentare

Dritte Meinung gefällig?

„Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis macht's, daß ein Ding kein Gift sei.“ - Paracelsus

Warum ich mit diesem, in meinen Augen äußerst weisen und oft vergessenen Satz anfange? - Umgekehrt ist er in meinen Augen übrigens auch war. - Weil ich genau im Vergessen oder Mißachten dieses Satzes ein grundlegendes Problem nicht nur der heutigen Zeit sehe...

Die gleichen Menschen, welche Rituale im allgemeinen verteufeln ( "Fertig ist das kleine Einmaleins des Konservativen." - Naja, der Mensch neigt halt zur Simplifizierung, ab einem bestimmten Punkt auch eine Mißachtung des o.a. Satzes), sind es auch, welche die "Rituale", welche ihnen nützen, bis zum Erbrechen zelebrieren. Und sie merken dabei noch nicht einmal, daß sie ihrem "Teufel" huldigen. Was ist Political Correctnessanderes, als ritualisierte Sprach- und damit dann irgendwann auch Denkmuster?

Im Grunde stimme ich mit Dir überein, Rituale können nützlich sein, "um dem inneren Schweinehund" beizukommen und im Falle einer gemäßigten Höflichkeit z.B. ist das auch eine feine Sache. Aber zu oft werden diese Rituale zum Selbstzweck - sie verlieren das Maß. Aus einer, meinetwegen auch ritualisierten, Höflichkeit wird dann so ein leviatanartiges Etwas wie die Political Correctness, ein vor Heuchelei und Eindimensionalität strotzendes Gebilde, welches jede sachliche Argumentation bereits im Keim erstickt. Es gibt Menschen, welche das erkennen und die sagen sich dann, "Um ehrlich und zielorientiert diskutieren zu können, muß man sich von der PC lösen, politisch inkorrekt sein". Ja da ist was dran, und man kann diese Menschen nur zu dieser Erkenntnis beglückwünschen, sie haben in dieser Hinsicht vielen anderen etwas vorraus.

Aber ach, plötzlich muß man als außenstehender Beobachter feststellen, daß sie nun diesem Götzen der Political In-Correctness genauso huldigen, wie die anderen seinem Antagonisten. Sie sind in die selbe Falle getappt, aus der sie sich vorher auf so bewundernswerte Weise befreit haben. indem sie einfach nur den Mut hatten, sich ihres Verstandes zu bedienen. Und während sie sich noch dachten "Puh, geschafft, das ist ja grad noch mal gutgegangen!", sich eine Verschnaufpause "vom Denken" gönnen, sich selbst beweihräuchern ob ihrer Überlegenheit, entgeht ihnen völlig, daß sie jetzt einfach nur in einem anderen Minenfeld stehen....

Das Gegengift ist ja in der falschen Dosis selbst wieder ein Gift. Statt einem, haben wir es jetzt mit zweien zu tun - und beide sind im selben Maße destruktiv. Und sie nähren sich an dem jeweils anderen.

Ich sehe aus diesem Dilemma nur einen Ausweg: Ständige Wachsamkeit und ständiges Hinterfragen. Paßt die Dosis noch? Lasse ich mich durch meine Rituale beschränken? Setzen meine Denkprozesse aus, werde ich blind? Niemand hat behauptet, daß es leicht werden würde - das ist ein Full-Time-Job und ein Tanz im Minenfeld. Aber was solls:, No Risk, No Fun und No Pain. No Gain ;)

Habt den Mut, Euch Eures Verstandes zu bedienen und feiert Eure Siege nicht auf Kosten Eurer Wachsamkeit!

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