Medien als Heimat

Ein komischer Zeitpunkt, um nach mehr als einem Jahr meine Masterarbeit online zu stellen. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht ist meine Masterarbeit ein klein wenig mehr als nur eine akademische Fingerübung: In ihr habe ich einen Begriff, der gerne von Rechtskonservativen als Kampfbegriff genutzt wird, dekonstruiert und neu gedacht.

Wer sich gegen den scheußlichen Rechtsruck auflehnen will, der sich in der westlichen Welt gerade vollzieht, der oder die oder das muss Boden zurückerobern. Linksprogressive tun sich leicht mit dem Loslassen: Schließlich ist das ständige Hinterfragen und Überarbeiten des Status Quo ein grundlegender Bestandteil unseres Mindsets. Wer Strukturen niederreißt und keine neuen neuen baut, riskiert, dass sich etwas Unerwünschtes auf dem Brachland niederlässt.

Wir brauchen wieder zugängliche Identitäten, die durch die Veränderungen, die wir uns wünschen, nicht bedroht werden. Aber um zu bauen muss man bleiben.

Ich habe nichts korrigiert, ich habe keine Kritikpunkte geglättet. Das hier ist die Arbeit, wie ich sie abgegeben habe.

PDF-Download: Medien als Heimat.

Aus dem Fazit:

Das in dieser Arbeit vorgestellte Konzept medialer Heimat ist das Ergebnis des Ringens um Vokabular, mit dem mediale Konfigurationen und ihre emotionalen Effekte beschreibbar gemacht werden sollen. Es ist auch ein Ringen um Kohärenz in einer pluralistischen und dadurch immer subjektiveren Medienlandschaft, die sich kaum mehr in ihrer Gesamtheit erfassen lässt. Die Medientheorie muss jedoch genau diese Form von Zusammenhang herstellen können, wenn sie sich nicht in der Analyse von singulären Partikularismen erschöpfen will. Die Ubiquität digitaler Medien zeigt die Notwendigkeit auf, Medien stärker in andere Felder der Individuation theoretisch zu integrieren. Die Nutzung von Medien in allen möglichen Zeiten, Räumen und Kontexten beraubt sie ihrer Spezifität gegenüber anderer Praktiken: Mediennutzung ist immer schon eine disperse Praxis. Sie permeiert historisch nicht-technische Lebensbereiche und so auch den des Zuhauses und der Heimat. […] Letztendlich ist Parapatrialität auch der Versuch, kulturräumliche Verbundenheit jenseits eines monolithischen Vaterlands oder einer nostalgisch verklärten Herkunftslandschaft zu denken, Heimat zu dynamisieren, entmystifizieren und für neue Positionierungen des Menschen nutzbar zu machen. Die mediale Heimat ist eine nomadische, eine paradoxe Heimat. Aber um auf den eingangs zitierten Satz von Braidotti zu verweisen: Manche Zustände und Erfahrungen können zusammenfallen, einfach weil sie einige Merkmale gemeinsam haben. Dabei wehrt sich der hier erarbeitete neue Heimatbegriff gegen die Dekadenzrhetorik, die ihn so oft begleitet, und damit auch gegen die Positionierung des Menschen als grundsätzlich entwurzelt und desorientiert. So wie Reckwitz versucht, die Veränderungen der Subjektkulturen weder als reine Forschrittserzählung noch als Abfolge von radikalen Umbrüchen zu theoretisieren, verstehe ich die Revision von Heimat weder als Bruch mit noch als Weiterführung von traditionellen Begriffen der Heimat.

 

Kommentare

Generische Feminina?

Hallo Alena,

ich hab Deine Arbeit bisher nur kurz angelesen und allein von daher und aufgrund Deines Artikels stellen sich mir ein paar Fragen:

Ist der Satz: "Die vorliegende Arbeit ist im generischen Femininum geschrieben." Nicht furchtbar inkonsequent, sollte es nicht besser heißen: "Die vorliegende Arbeit ist in der generischen Feminina geschrieben." (Oder so ähnlich, ich hatte kein Latein). Es stellt sich für mich im Grunde wie so oft die Frage nach dem Maß (siehe dazu meinen Kommentar zu http://de.dausacker.net/blog/rituelle-h%C3%B6flichkeit#comment-76 ). Unsere Sprache hat eine Struktur, welche historisch gewachsen ist und welche (fast) jedem Muttersprachler in Fleisch und Blut übergegangen ist. Und Teil dieser Struktur ist, daß, wenn von Menschen die Rede ist, das generische Maskulinum benutzt wird. Dahinter steht nicht irgendein fieser Gedanke zur Unterdrückung der Frau, vielmehr hat es sich einfach so entwickelt. Man könnte sogar sagen, die Frau bekommt dadurch einen gehobenen Sonderstatus, da sie sprachlich einen expliziten Geschlecht zugeordnet bekommt, eine besondere Erwähnung sozusagen, während sich Männer ihres mit den Frauen Teilen müssen. Die Abweichung von dieser Struktur führt dazu, daß der geneigte Leser jedesmal, wenn er auf eine solche Abweichung trifft, kurz innehält und damit den Gedankengang unterbrechen muß. Genauso, wie wenn er auf Rechtschreib- oder grammatikalische Fehler stößt. Die Folge ist, daß ein solcher Text schwer bis im Extremfall kaum verständlich wird.

Ist das beabsichtigt? Hast Du Angst, daß zu viele Menschen diesen Text verstehen könnten? Wenn ja, wieso?

Auf Deinen Blog bin ich durch http://de.dausacker.net/blog/latex-nach-epub-konvertieren gestoßen, und diesen Text fand ich toll. Kreativ, spritzig, informativ und humorvoll. Und er kam ganz ohne eine generische Feminina oder einen übertriebenen Einsatz (oder eine übertriebene Einsätzin?) (Dazu werde ich mich später noch äußern) ich bin grad etwas verwirrt ;) ) aus. Ich dachte mir: "Diese Frau hat was im Kopf, und Sinn für Humor hat sie auch" und habe angefangen mal ein bisschen zu schmökern. Und bin das eine oder andere Mal innerlich ziemlich zusammengezuckt. Es kommt mir vor, als ob die Texte von verschiedenen Personen ( hier für "abstrahierte Menschen") geschrieben worden wären. Ist das Deine Intension? So etwas wie "Schreiben mit verteilten Rollen"? Und falls nicht, woher kommt es dann?

Ich muß jetzt los und unterbreche daher. Versteh' mich bitte nicht falsch, ich will Dir hier nichts vorschreiben. Mich interessiert einfach nur, wie Du tickst, sieh es einfach als Hobby-Anthropologie ;) ...

Femininum FOR SCIENCE

Also. Es gibt massenweise Studien, die zeigen, dass das generische Maskulinum keine x-beliebige Sprachstruktur ist, die sich nicht weiter auf die Gedankenwelt der Sprechenden auswirkt: Es bewirkt, dass generische Personenbegriffe als männlich gelesen und gedacht werden. Und da unterstellt niemand eine böse Absicht, das ist ein unglücklicher Nebeneffekt unserer Sprache in Kombination mit unserer Gesellschaftsstruktur. Die Sichtbarmachung anderer Menschen in Sprache ist eine inzwischen althergebrachte Praxis im Feminismus. Aber google da ruhig selbst mal, es ist sehr lehrreich, sich damit auseinanderzusetzen.

Das generische Femininum (ich unterscheide ja zwischen grammatischem und persönlichem Geschlecht und warum zum Teufel sollte ich ein Neutrum ins Femininum setzen?) war für mich a) ein Kompromiss und b) eine Herausforderung. Ein Kompromiss insofern als meine Begutachterin als Schwerpunkt Genderstudies hat und eine unkommentiert im generischen Maskulinum geschriebene Arbeit schon allein aus Respekt (von meinen eigenen Überzeugungen mal ganz abgesehen) daher nicht in Frage kam, ich kein Fan (uuuuh, ein persönliches Nomen, das keine weibliche Form hat, what's a feminist to do?) von den üblicheren Doppelnennunngen ("Zuschauerinnen und Zuschauer") bin und ich das Gendern mit Binnenzeichen (Zuschauer_in, Zuschauer*in, Zuschauer/in) zwar hier auf dem Blog tue, aber nicht so schön finde. Außerdem hat mich die Herausforderung gereizt: Kann ich das überhaupt durchziehen? Ja, konnte ich. Und wenn du weitergelesen hättest, hättest du vielleicht auch festgestellt, dass die anfängliche Irritation sich erstaunlich schnell legt. Außerdem wollte ich immer schon mal die vor Ironie triefende Fußnote schreiben, dass Männer damit auch gemeint sind. Vielleicht hast du auch beim Schmökern bemerkt, dass ich keine festen Regeln zum Gendern habe. Ich benutze die unterschiedlichen Formen wild durcheinander. Es geht mir darum, das Problem sichtbar zu machen.

Und zum Thema Verständlichkeit: Die Arbeit enthält Passagen wie diese: "Wie bei Joisten der Mensch als Heim-weg gedacht wird, als Pendeln zwischen Beheimatet- und Unterwegssein, so kann mit Deleuze und Guattari das Heimatliche als rhythmische Territorialisierung und Deterritorialisierung verstanden werden, die über Ritornelle der Territorialisierung (z.B. Heimatsweisen und Volkslieder) und über solche der Deterritorialisierung (Abschieds- und Wanderlieder) vonstatten geht." Ich glaube, da ist das hier und da eingestreute Femininum das geringste Problem. Das ist eine wissenschaftliche Abschlussarbeit, kein Publikumsbestseller. Und ihren Zweck (meine Begutachterinnen davon zu überzeugen, dass ich was im Kopf habe) hat sie erfüllt.

Und nee, ich schreibe hier nicht in "verteilten Rollen", sondern als ich. Mit all meinen unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen, in all den unterschiedlichen Tonlagen, die mich ausmachen.

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