Über Haustiere

Als eine Person, die sich im Zuge einer Ernährungsumstellung sehr viel mit der generellen Problematik "Tier" auseinandergesetzt hat, bin ich in puncto Haustiere zwiegespalten. Einerseits sind Tiere prima. Ich bin eins, du bist eins (wenn du nicht zu einem geheimen Untergrund künstlicher Intelligenzen gehörst, die gerade überlegen, wie sie die Menschheit unterjochen können) und überhaupt: Habt ihr euch Vögel schon mal angeschaut? Oh mein Gott, Vögel sind so gut. Ich mag Tiere. Fast alle von ihnen. Und ich habe ein starkes Bedürfnis danach, Tiere in meinem Leben zu haben. Andererseits ist da immer das Bewusstsein, dass wir Menschen nicht gut für andere Tiere sind. Wir behandeln sie meist ziemlich mies, nehmen ihnen ihre Freiheit und ordnen ihre Rechte unseren unter. Sollte ich also Haustiere halten?

Haustiere sind ein absurdes Phänomen und soweit ich weiß auch nicht in allen Teilen der Welt in der Form vertreten, wie wir sie in den Industrienationen haben. Und ich spreche hier nicht von Nutztieren, die ihrer Bezeichnung getreu von Menschen (aus)genutzt werden. Sei es nun ihrer Kraft, ihrer Geschwindigkeit, ihrer Sinne oder ihrer Instinkte wegen. Ich spreche von Schoßhunden und Schmusekatzen, von Ziervögeln und Zwergkaninchen, von Tieren, die niemals in ihrem Leben arbeiten werden und keine Rolle in der Lebensmittelherstellung spielen. Menschen holen sich diese Lebewesen ins Haus, damit sie mit ihnen zusammen wohnen. Ich weiß, dass das den meisten Leuten immer noch normal vorkommen wird, aber eigentlich ist das ziemlich seltsam.

Was ich dabei bemerkenswert finde, ist, dass diese Tiere in freier Wildbahn nicht vorkommen. Die Tiere, die wir als Haustiere halten, haben wir über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg konstruiert. Durch Auswahl und durch Kreuzung, so wie wir Äpfel konstruiert haben und Brokkoli. Wenn wir sie aber nicht für die Arbeit brauchen und nicht zum Essen -- wofür haben wir Haustiere gezüchtet? Als Gesellschaft! Als Kameraden im Haus, auf Reisen, als Trost und Freunde, als jemand, der sich an uns freut und an dem wir uns freuen können.

Was sagt es eigentlich über uns als Spezies und unser Verhältnis zu uns selbst aus, dass wir uns Geschöpfe herangezogen haben, um uns nicht so alleine zu fühlen?

Warum halten wir Haustiere? Ich sehe hier mehrere Gründe:

  • Weil Tiere nicht in unserer Wertegesellschaft existieren und ihre Zuneigung daher ungetrübt ist von Leistungsdruck und Erwartungen, die unsere eigene Spezies an uns heranträgt. Die Freude eines Hundes, wenn du wieder nach hause kommst, hat kein Äquivalent unter Menschen.
  • Weil Tiere uns im Gegenzug erlauben, eine sehr einfache und ungetrübte Zuneigung für ein anderes Lebewesen zu empfinden. Die Kommunikationsbarriere ist so groß, dass wir uns keine Sorgen um die subtilen und perfiden Missverständnisse machen müssen, die zwischenmenschliche Beziehungen belasten. Du liebst dein Tier und dein Tier liebt dich und alles andere, was ihr austauschen könnt, sind Liebkosungen.
  • Weil wir so weit von der natürlichen Welt entfernt sind. Haustiere sind Vertreter des Unmenschlichen, die sich aber weder unserer Sphäre noch unserem emotionalen Verständnis entziehen. Sie leben mit uns, sie haben eine Beziehung zu uns, vielleicht verstehen sie uns sogar ein bisschen und nehmen Anteil an unserem Alltag und unseren Gefühlen. Sie sind ein kommunikativer Draht zu einer Welt, die uns ansonsten komplett verschlossen bleibt, weil wir uns weitestgehend von Wildnis und Tieren und Natur abgeschottet haben. Und es ist ein tröstlicher Gedanke, dass ein Teil der natürlichen Welt uns schnurrend um die Beine streicht, weil er sich freut, uns zu sehen.

Ist Haustiere zu halten aus diesen Gründen ethisch vertretbar? Nicht unbedingt. Diese Gründe sind zunächst logische Rechtfertigungen ohne ein moralisches Urteil. Ich glaube, dass selbst unter Tierschutzaktivist_innen hier kein Konsens besteht. Einerseits haben wir diese Wesen in der Form, die sie haben erschaffen und haben ihnen gegenüber dadurch auch eine gewisse Frankensteinsche Verpflichtung, uns um sie zu kümmern. Außerdem tun Tiere der Seele gut und wenn sie gut gehalten werden, entsteht für niemanden ein Leid in diesem Arrangement. Andererseits sind es Tiere und sie sind nicht für das Leben in menschlicher Gesellschaft gemacht. Nicht für die kleinen Wohnungen und vollen Städte, zwischen Autolärm und Fertigfraß, ohne die Freiheit, ihren natürlichen Bedürfnissen ausreichend nachzukommen. Allerdings sind wir Menschen, wenn wir mal ganz ehrlich sind, auch nicht dafür gemacht.

Sind wir nicht die ultimativen domestizierten Tiere? Theoretisch haben wir die Wahl, sind wir frei, aber wie viel Freiheit lässt uns unser Gesellschaftssystem wirklich?

Ich denke, ob eins Haustiere halten möchte, muss jeder Mensch für sich klären. Zu viele Faktoren sind situationsabhängig und subjektiv, zu viel historisch gewachsen und einfach durch die Kommunikationsbarriere zwischen den Betroffenen zu unklar, als dass hier eine objektive Antwort möglich wäre.

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Kommentare

Haustiere

...toller Artikel habe die gleichen Gedanken zu dem Thema. Da wir gerade diskutieren als Familie einen Hund anzuschaffen.

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